HVO100 (Hydrotreated Vegetable Oil) gilt als einer der vielversprechendsten erneuerbaren Kraftstoffe. Was steckt dahinter, was ist bei Lagerung und Förderung zu beachten – und welche Vorschriften gelten?
Lesezeit ca. 7 Minuten
Basiert auf EN 15940, AwSV, ADR 2025
Für Landwirtschaft, Bau & Fuhrpark
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Themen erklärt
HVO100 – auch als paraffinischer Diesel, XTL oder Renewable Diesel bekannt – kann in vielen Fahrzeugen und Maschinen ohne Umbau als Ersatz für fossilen Diesel eingesetzt werden. Gleichzeitig bringt HVO andere Eigenschaften mit: geringere Wassergefährdung, bessere Lagerstabilität und andere Vorschriften. Dieser Ratgeber erklärt, was das für Ihre Tankanlage, Pumpen und den Betrieb bedeutet.
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Was ist HVO – und was ist der Unterschied zu Biodiesel?
HVO steht für Hydrotreated Vegetable Oil – ein paraffinischer Kraftstoff der durch katalytische Hydrierung aus pflanzlichen Ölen, tierischen Fetten oder Abfallstoffen hergestellt wird. Das Endprodukt ist chemisch ein nahezu reiner Paraffin-Kohlenwasserstoff – und damit strukturell viel näher an fossilem Diesel als herkömmlicher FAME-Biodiesel (Fatty Acid Methyl Ester).
HVO vs. Biodiesel (FAME) vs. fossiler Diesel
Eigenschaft
Fossiler Diesel
FAME-Biodiesel
HVO100
Norm
EN 590
EN 14214
EN 15940
Chemische Basis
Kohlenwasserstoffe
Fettsäuremethylester
Paraffine (wie Diesel)
Lagerstabilität
6–12 Monate
3–6 Monate ⚠
bis 24 Monate ✓
Mikrobenwachstum
möglich
erhöhtes Risiko ⚠
sehr gering ✓
Kälteverhalten
je nach Sorte
schlechter
gut bis sehr gut ✓
WGK-Einstufung
WGK 2
WGK 1
WGK 1 ✓
CO₂-Einsparung (Lifecycle)
–
ca. 50–60 %
bis ca. 90 % ✓
✓ Wesentlicher Vorteil gegenüber FAME-Biodiesel
HVO ist chemisch ein Paraffin – keine Esterbindungen die Gummi-Dichtungen angreifen, kein erhöhtes Risiko für Mikrobenwachstum im Tank, keine Entmischung mit Wasser. In der Praxis verhält sich HVO im Tank und in der Pumpe wie fossiler Diesel – ohne die Nachteile von FAME.
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Fahrzeug- & Maschinenkompatibilität
HVO100 ist in vielen modernen Fahrzeugen und Maschinen als Kraftstoff zugelassen – aber nicht universell. Die OEM-Freigabe des Herstellers ist entscheidend und vor dem Einsatz zu prüfen.
Hersteller mit bekannter HVO-Freigabe (Auswahl)
Volvo (CE & Trucks) – HVO100 freigegeben
Caterpillar – EN 15940 zugelassen
Liebherr – paraffinischer Diesel zugelassen
John Deere – HVO zugelassen (ab Bj. je nach Modell)
Mercedes-Benz Trucks – XTL freigegeben
MAN – HVO freigegeben
Scania – HVO100 freigegeben
Deutz-Motoren – EN 15940 zugelassen
⚠ Immer OEM-Freigabe prüfen
Die Liste oben ist nicht vollständig und ändert sich regelmäßig. Vor dem Einsatz von HVO100 immer das aktuelle Betriebshandbuch oder die Herstellerauskunft einholen. Ältere Fahrzeuge (vor ca. 2010) haben oft keine formelle Freigabe – auch wenn die technische Verträglichkeit häufig gegeben ist.
Mischen mit fossilem Diesel
HVO kann in jedem Mischungsverhältnis mit fossilem Diesel (EN 590) kombiniert werden – es gibt keine Mindest- oder Höchstgrenze. Das ermöglicht einen schrittweisen Umstieg: zuerst 20 %, dann 50 %, dann 100 % HVO. Beim Mischen gelten die Vorschriften des enthaltenen fossilen Diesels weiter (WGK 2, ADR-Anforderungen).
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Lagerung & Tanks – was ist zu beachten?
Die gute Nachricht: Bestehende Dieseltankanlagen aus Stahl oder PE sind in der Regel für HVO geeignet – eine Umrüstung ist meist nicht nötig. Dennoch gibt es wichtige Punkte zu beachten.
Nitrilkautschuk (NBR) ist HVO-beständig – wie für fossilen Diesel. Keine Austauschpflicht bei vorhandenen NBR-Teilen.
⚠️
Naturgummi (NR) & PVC
Nicht für HVO empfohlen – gleiche Empfehlung wie für fossilen Diesel. NBR oder PTFE verwenden.
✓ WGK 1 statt WGK 2 – regulatorischer Vorteil
HVO100 ist in Deutschland als WGK 1 (leicht wassergefährdend) eingestuft – fossiler Diesel ist WGK 2 (wassergefährdend). Das hat Auswirkungen auf die AwSV-Anforderungen: Bei reinem HVO-Betrieb gelten teils großzügigere Mengenschwellen und Prüfintervalle. Bei gemischten Beständen (HVO + Diesel) gelten die Anforderungen des gefährlicheren Stoffs (WGK 2). Hinweis: Die Einstufung kann je nach HVO-Produkt und Hersteller variieren – Sicherheitsdatenblatt des jeweiligen Produkts prüfen.
Tankreinigung bei Umstieg von FAME auf HVO
Wer einen Tank bisher mit FAME-Biodiesel betrieben hat und auf HVO umsteigen möchte, sollte den Tank vorher reinigen: FAME-Rückstände können Partikel und Ablagerungen aufwirbeln wenn HVO (das als Lösungsmittel wirken kann) zugegeben wird. Bei reinem Dieselbetrieb ist keine Reinigung erforderlich.
Mobile Transporttanks für HVO funktionieren nach denselben Prinzipien wie für fossilen Diesel – da HVO die gleichen Materialeigenschaften hat, sind alle gängigen Dieseltransportbehälter aus PE oder Stahl für HVO geeignet.
HVO und ADR – ein wichtiger Unterschied zu Diesel
HVO100 nach EN 15940 hat einen Flammpunkt von typisch über 60°C. Damit ist HVO100 in der Regel nicht als Gefahrgut Klasse 3 eingestuft und fällt nicht unter die ADR-Anforderungen für entzündbare Flüssigkeiten – anders als fossiler Diesel (Flammpunkt >55°C, UN 1202, Klasse 3 PG III).
✓ Möglicher ADR-Vorteil bei reinem HVO-Transport
Bei reinem HVO100-Transport (ohne Dieselbeimischung) kann unter Umständen gänzlich auf ADR-Kennzeichnung und -Dokumentation verzichtet werden – abhängig vom genauen Flammpunkt des jeweiligen HVO-Produkts. Das Sicherheitsdatenblatt des Herstellers und die aktuell gültige ADR-Fassung sind maßgeblich. Bei Mischungen mit fossilem Diesel gilt wieder UN 1202.
⚠ Flammpunkt im SDB prüfen
Nicht jedes HVO-Produkt hat identische Eigenschaften. Immer das Sicherheitsdatenblatt (SDB) des konkreten HVO-Produkts (z.B. Neste MY, Shell GTL) auf den genauen Flammpunkt prüfen. Nur wenn der Flammpunkt eindeutig über 60°C liegt, entfällt die ADR-Klasse-3-Einstufung.
Da HVO chemisch wie ein Paraffin-Kohlenwasserstoff aufgebaut ist, sind alle gängigen Dieselpumpen – Flügelzellenpumpen, Zahnradpumpen, Kolbenpumpen – für den Einsatz mit HVO geeignet. Eine besondere HVO-Version ist in der Regel nicht erforderlich.
Worauf bei Pumpen für HVO zu achten ist
1
Dichtungsmaterial prüfen
NBR (Nitrilkautschuk) ist HVO-kompatibel – wie für Diesel. Bei älteren Pumpen mit Naturgummi-Dichtungen (NR) empfiehlt sich ein Dichtungstausch gegen NBR oder PTFE.
2
Schlauch auf NBR oder PTFE prüfen
Standard-Kraftstoffschläuche aus NBR sind HVO-geeignet. PVC-Schläuche sind nicht für HVO empfohlen (gleiche Empfehlung wie für Diesel).
3
Herstellerangabe bestätigen
Führende Hersteller wie PIUSI und Horn-Tecalemit listen HVO/XTL explizit in den Medienfreigaben ihrer Kraftstoffpumpen. Im Zweifel Produktdatenblatt oder Hersteller anfragen.
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Filter nicht vergessen
HVO löst beim ersten Einsatz in einem bestehenden Dieseltank ggf. Ablagerungen. Kraftstofffilter (10 µm) frühzeitig wechseln nach dem Umstieg.
HVO bringt gegenüber fossilem Diesel regulatorische Vorteile mit – insbesondere durch die niedrigere WGK-Einstufung. Folgende Tabelle gibt einen Überblick über die wichtigsten Unterschiede:
Vorschrift / Kriterium
Fossiler Diesel
HVO100 (rein)
HVO+Diesel (Mischung)
WGK-Klasse
WGK 2
WGK 1
WGK 2
AwSV-Anzeigepflicht (stationär)
ab 1.000 L
je nach Anlage & WGK 1-Schwelle
ab 1.000 L (WGK 2)
ADR Klasse 3
UN 1202 (PG III)
ggf. keine ⁽¹⁾
UN 1202 (PG III)
1000-Punkte-Regel (ADR 1.1.3.6)
bis 1.000 L vereinfacht
ggf. nicht anwendbar ⁽¹⁾
bis 1.000 L vereinfacht
Feuerlöscher im Fahrzeug (Transport)
Pflicht (ADR)
ggf. entfällt ⁽¹⁾
Pflicht (ADR)
⁽¹⁾ Nur wenn Flammpunkt des HVO-Produkts laut SDB eindeutig über 60°C – immer produktspezifisch prüfen.
AwSV und WGK 1 – was ändert sich konkret?
Nach AwSV gelten für WGK-1-Stoffe höhere Mengenschwellen bevor verschärfte Anforderungen greifen. Für stationäre Tankanlagen mit reinem HVO (WGK 1) kann das bedeuten: erst ab höheren Volumina ist eine Sachverständigenprüfung oder Anzeige erforderlich. Die genauen Schwellenwerte hängen von der Anlagenklasse und dem Bundesland ab – eine individuelle Prüfung durch einen Fachbetrieb ist empfehlenswert.
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Häufige Fragen zu HVO
In den meisten Fällen ja – vorausgesetzt der Tank besteht aus Stahl oder PE und die Dichtungen sind aus NBR oder einem anderen kraftstoffbeständigen Material. Diese Materialien sind HVO-kompatibel. Falls der Tank bisher mit FAME-Biodiesel betrieben wurde, empfiehlt sich eine Tankreinigung vor dem Umstieg, da HVO als gutes Lösungsmittel wirkt und FAME-Ablagerungen aufwirbeln kann. Den Kraftstofffilter nach dem ersten Einsatz tauschen.
HVO ist deutlich lagerstabiler als fossiler Diesel oder FAME-Biodiesel: Unter normalen Lagerbedingungen (trocken, dunkel, moderate Temperatur) ist HVO bis zu 24 Monate stabil – fossiler Diesel typischerweise 6–12 Monate. HVO enthält keine Doppelbindungen die oxidieren können und keine Esterbindungen die hydrolysieren – das macht es resistent gegen Oxidation, Wasseraufnahme und mikrobielle Besiedlung. Ideal für saisonalen Betrieb (Ernte, Winterdienst) wo der Tank längere Zeit steht.
HVO hat tatsächlich eine sehr gute Treibhausgasbilanz – bei Nutzung von Rohstoffen wie Altspeisefett, Schlachtabfällen oder Abfallölen (keine Primärrohstoffe) werden bis zu ca. 90 % weniger CO₂-Äquivalente über den gesamten Lebenszyklus emittiert als fossiler Diesel. Auch die Auspuffemissionen sind günstiger: weniger Partikel, weniger polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK). Kritisch zu sehen sind Produkte aus palm-ölbasierten Rohstoffen, die indirekte Landnutzungsänderungen (ILUC) verursachen können. Nachhaltigkeitszertifizierungen (ISCC, RSB) geben Auskunft über die Rohstoffherkunft.
HVO wird aus biogenen Rohstoffen durch Hydrierung hergestellt – ein biochemischer Prozess. e-Diesel / Power-to-Liquid (PtL) wird aus CO₂ und Wasserstoff (der per Ökostrom erzeugt wird) synthetisiert – vollständig ohne biogene Rohstoffe. Beide erfüllen EN 15940 und können XTL oder paraffinischen Diesel genannt werden. PtL ist noch teurer als HVO, hat aber das Potenzial für eine noch bessere CO₂-Bilanz. Für die Tank- und Pumpentechnik sind beide identisch – was im Tank ist, spielt für die Materialauswahl keine Rolle.
Wenn Sie eine bestehende, genehmigte Tankanlage von fossilem Diesel auf HVO (WGK 1) umstellen, ist in der Regel eine Änderungsmeldung an die zuständige Behörde erforderlich – da sich der gelagerte Stoff und damit die Gefährdungseinstufung ändert. In manchen Bundesländern kann das zur Einstufung in eine niedrigere Anlagenklasse führen, was Prüfintervalle und Auflagen vereinfacht. Bei Neubau einer Anlage für HVO gelten die WGK-1-Anforderungen von Anfang an. Im Zweifel den zuständigen Wasserbehörden und einem AwSV-Fachbetrieb konsultieren.
Ja – HVO100 ist mit allen gängigen Kraftstoffpumpen für Diesel kompatibel: Flügelzellenpumpen (wie TecPump 600, PIUSI CUBE), Zahnradpumpen und Kolbenpumpen. Entscheidend ist das Dichtungsmaterial (NBR geeignet, Naturgummi nicht). Hersteller wie PIUSI und Horn-Tecalemit listen HVO/XTL explizit als freigegebenes Medium in ihren Produktdatenblättern. Kraftstoffschläuche aus NBR sind HVO-beständig. Lediglich PVC-Schläuche sind nicht empfohlen – gleiche Empfehlung wie bei fossilem Diesel.
HVO100 ist in Deutschland über spezialisierte Kraftstoffhändler und einige Mineralölhändler erhältlich – Tankstellen mit HVO-Zapfsäulen sind noch selten (Ausnahme: Niederlande, Skandinavien mit breiter Verfügbarkeit). Die Lieferung per Kesselwagen auf den Betrieb ist der gängige Weg. Preislich liegt HVO100 aktuell 15–30 % über fossilem Diesel – je nach Rohstoffherkunft und Marktlage. Bekannte Produkte: Neste MY Renewable Diesel, Shell GTL Fuel, Q8 Renewable R33, Preem Evolution. Bei der Steuer: HVO unterliegt der vollen Energiesteuer wie fossiler Diesel, es gibt keine gesonderte Begünstigung.
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